Faktencheck: Steht Europa vor einer neuen Migrationswelle?

Steht Europa vor einer neuen Migrationswelle? So ist der aktuelle Euranet Plus-Faktencheck überschrieben. Zum Faktencheck-Team gehört Linda Givetash. Sie kommt aus Kanada. Aktuell arbeitet die Journalistin für Euranet Plus von Frankreich aus. Und ihre ganz persönlichen Erfahrungen als „legale Arbeits-Migrantin“ hat sie mit uns geteilt.

Blick in eine Turnhalle, die mit vielen doppelstöckigen Feldbetten zu einer Flüchtlingsunterkunft umgebaut wurde.

Erstmal die Frage Linda, welche Möglichkeiten gibt es?

“Viele Länder bieten Arbeitsvisa für Fachkräfte an, aber die fokussieren sich meist auf Bereiche mit Engpässen, und sie sind an Bedingungen wie ein Mindesteinkommen, ein schriftliches Stellenangebot und polizeiliche Führungszeugnisse geknüpft.“

Sind denn die Bedingungen in allen EU-Ländern gleich?

„Einzelne Länder ändern häufig ihre Visabestimmungen, was zu mehr Bürokratie führt. In Frankreich beispielsweise müssen Ausländer, die eine Aufenthaltserlaubnis beantragen, seit diesem Monat einen 45-minütigen Einbürgerungstest zu Geschichte, Kultur sowie individuellen Rechten und Pflichten des Landes absolvieren – ähnlich dem Einbürgerungstest.“
Und, machst du, oder dein Arbeitgeber das alles so nebenbei? Oder musst du dir quasi Urlaub nehmen, um alle erforderlichen Papiere bereitzustellen?
Kurz gesagt, es war sehr stressig. Ich lebe jetzt seit drei Jahren hier und bin gerade dabei, mein Visum zum dritten Mal zu verlängern. Beim ersten Mal gab es viele Komplikationen: Ich musste medizinische Bescheinigungen einholen und einen mehrtägigen Kurs über französische Kultur und Geschichte belegen, was mich alles Urlaubstage gekostet hat. Die Liste der Dokumente, die ich einreichen musste, war endlos, und einige waren fast unmöglich zu beschaffen, weil es sie in den Ländern, in denen ich vorher gelebt hatte, nicht gab. Der Prozess hat mich und meinen Arbeitgeber viel Zeit und Geld gekostet.“

Wer entscheidet denn überhaupt zu deinen Visa- und Arbeitsgenehmigungen?

„Erwähnenswert an meiner Erfahrung ist auch, dass die Behörden -unabhängig von den Vorschriften -nach eigenem Ermessen Entscheidungen treffen können. Obwohl ich beispielsweise Anspruch auf eine mehrjährige Genehmigung gehabt hätte, wurde mir stattdessen ohne Angabe von Gründen nur eine einjährige Genehmigung ausgestellt, weshalb ich jetzt einen neuen Antrag stelle.“
Und was macht das mit dir ganz persönlich?

„Es macht sehr unsicher – zu meiner Zukunft, und es hat mich von meinen eigentlichen Gründen für meine Anwesenheit hier abgelenkt, nämlich einfach zu arbeiten und zu leben.“